Vom Bluetooth-Blutdruckmesser bis zum triaxialen Beschleunigungssensor: Neue Technologien für ein selbstständiges Leben

IT in häuslicher Umgebung: Das Labor des PLRI. Foto: Okerlandarchiv

Das Bett im Schlafzimmer ist frisch bezogen, die Couchgarnitur lädt zum Platznehmen ein, und in der Küche neben dem Kühlschrank steht eine Flasche Sekt. Erst auf dem zweiten Blick offenbart sich, dass es sich im vierten Stock des Informatikzentrums der TU Braunschweig nicht um eine ganz normale Wohnung handelt – sondern um ein mit IT gespicktes Forschungslabor.

Dr. Klaus-Hendrik Wolf, wissenschaftlicher Angestellter am Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der Technischen Universität Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover (PLRI), bezeichnet die Wohnung als „ein Forschungswerkzeug. Wir integrieren darin neue Technologien, um sie in häuslicher Umgebung zu testen.“

Vom Blutdruckmesser mit Bluetooth-Schnittstelle über den triaxialen Beschleunigungssensor bis zum Hausbussystem mit Notruffunktion: Auf den Tischen und an den Wänden sieht man Geräte, die womöglich in den nächsten Jahren als assistierende Gesundheitstechnologien zur Wohnungsausstattung gehören. „Damit ältere Menschen so lange wie möglich in ihrem persönlichen Lebensumfeld wohnen bleiben können“, sagt Wolf.

Team aus Forschern und Studenten

Unter den Dächern des Projekts eHealth.Braunschweig und des niedersächsischen Forschungsverbundes Gestaltung altersgerechter Lebenswelten arbeiten mehrere Forscher und eine Reihe von Studenten an marktfähigen Produkten, die kranken oder in ihrer Mobilität eingeschränkten Menschen ein weitgehend selbstständiges Leben ermöglichen sollen.

So auch Stefan Rust, der vor kurzem seine Diplomarbeit geschrieben hat. Er begleitete über mehrere Monate eine Gruppe von Senioren, wie sie in den eigenen vier Wänden den Blutdruck maßen und die Daten via Bluetooth in einem Informationssystem speicherten – auf das nicht nur sie, sondern auch behandelnde Ärzte zugreifen können. Bei seiner Untersuchung konzentrierte er sich nicht nur auf die technische Umsetzung. Genauso wichtig wie die Funktion ist, „dass die Menschen bereit sind, solche Systeme auch wirklich zu benutzen“, sagt Rust.

Prototypen in Serie

Ihre Zustimmung spielt bei der Einbindung von Informations- und Kommunikationstechnologien in die Gesundheitsversorgung eine sehr wichtige Rolle. Ein den Weg zum Arzt ersparendes Blutdruckmesssystem hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn die Menschen es bei sich zu Hause akzeptieren und imstande sind, es mit wenigen Handgriffen bequem zu bedienen. „Und wenn sie bereit sind, dafür Geld auszugeben“, sagt Stefan Rust. Nur dann lassen sich Industriepartner finden, die einen Prototypen zur Serienreife bringen.

Stefan Rust hat in seiner Diplomarbeit die Senioren befragt, was sie von Assistenzsystemen wie dem Blutdruckmesssystem halten. Der Tenor: Die Entwicklung ist richtig und wichtig, weil sie ältere Menschen davor bewahrt, in ein Pflegeheim ziehen zu müssen. Doch es gibt auch Vorbehalte wie die Angst, dass die Intimsphäre verletzt wird. Klaus-Hendrik Wolf kennt die Bedenken. Er sagt: „Die Systeme sind nicht dazu da, die Menschen zu beobachten, sondern um Notfälle festzustellen und schlimme Folgen verhindern zu können.“

Deutsches Rotes Kreuz macht mit

So wie der triaxiale Beschleunigungssensor, der erkennt, wenn jemand in seiner Wohnung gestürzt ist, und einen Notruf auslöst. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz befinden sich einige der Technologien, die das PLRI gemeinsam mit Mitarbeitern des TU-Instituts für Robotik und Prozessinformatik weiterentwickelt hat, bereits im Praxiseinsatz.

Das PLRI-Team lädt regelmäßig Senioren zu sich ins Forschungslabor ein, um ihnen die jüngsten technischen Lösungen vorzuführen und Meinungen einzuholen, ob und inwieweit diese Ideen ihnen das Leben leichter machen. Fortschritte lassen sich nur in Zusammenarbeit mit denen erzielen, die davon profitieren sollen, meint Wolf. „Die direkten Rückmeldungen in unserem Labor sind für unsere Arbeit sehr wichtig, damit wir die Assistenzsysteme weiter verbessern können.“

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