„Wer IT ins Gesundheitssystem einbindet, erhöht die Patientensicherheit“

1.440 Betten, jährlich 56.000 stationäre und 110.000 ambulante Patienten – das Klinikum Braunschweig ist Niedersachsens größtes kommunales Krankenhaus. Professor Horst Kierdorf, Ärztlicher Direktor des Klinikums, zählt zu den größten Fürsprechern des Projekts eHealth.Braunschweig. Im Interview erzählt er, was das Projekt für ihn so interessant macht, welche Untersuchungs-ergebnisse das Klinikum im Braunschweiger Befundportal zum Abruf für die Ärzte bereitstellt und wie sich die Tumordokumentation entwickeln wird.

Herr Kierdorf, durch die Beteiligung am Projekt eHealth.Braunschweig will das Klinikum die Patienten-sicherheit verbessern. An welcher Stelle besteht Nachholbedarf?

Geht ein Patient vom behandelnden Arzt ins Krankenhaus, ist häufig die schleppende, fehlende und falsche Informations-weitergabe ein großes Problem. Es kann Stunden dauern, bis wir alle Fragen beantwortet haben: Wie lauten die genauen Werte des Patienten? Welche Medikamente hat er bekommen? Wie ist er zuletzt behandelt worden? Auch auf dem Weg des Patienten zurück vom Krankenhaus zum Arzt kann der Informationsfluss ins Stocken geraten, weil wir wichtige Daten nur verzögert an die niedergelassenen Kollegen weitergeben. Wenn wir hier durch die Einbindung von Informationstechnologien die Dokumentation der Behandlung und die Kommunikation unter den Ärzten verbessern, kommt das der Patientensicherheit zugute.

Neben der Patientensicherheit geht es Ihnen auch um die Verbesserung des Versorgungsmanagements im Klinikum Braunschweig. Was genau wollen Sie erreichen?

Meine Vision lautet, dass ich beispielsweise vor einer Blinddarmoperation nicht nur auf einem elektronischen Terminal alle wichtigen Patientendaten griffbereit habe, sondern dass ich von hier aus auch die Operationstermine und die Bettenbelegung koordinieren kann: Wenn ich die Blinddarm-OP festlege, werden automatisch das Ärzte- und Schwesternteam informiert und das Bett auf der Intensivstation für die Zeit nach der OP gebucht. In der Wirtschaft gibt es genügend Unternehmen, die nach diesem Prinzip arbeiten.

Warum tun Sie es nicht?

Weil wir im Gegensatz zu einem Großunternehmen wie VW nicht alles in einer Hand haben, sondern es neben uns im Gesundheitssystem weitere 27.000 Akteure gibt. Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken, Reha-Zentren und Pflegeeinrichtungen weisen alle unterschiedliche Dokumentations- und Kommunikationsstrukturen auf. Das ist es ja, was das Projekt eHealth.Braunschweig so interessant macht: Wir machen aus den vielen Kommunikationskanälen des Gesundheitssystems einen gemeinsamen. Auch wenn das Projekt einmal zu Ende gehen sollte, werden wir diesen Weg auf jeden Fall weitergehen.

Mit dem Aufbau des Braunschweiger Befundportals haben Sie bereits einen Teilerfolg geschafft.

Das ist richtig. Die ambulant und die stationär behandelnden Ärzte rücken näher zusammen, indem sie ihre Untersuchungsergebnisse in dem Befundportal ablegen und zum Abruf bereitstellen. Wir als Klinikum übermitteln die Laborbefunde und die Operationsberichte – doch die Arztbriefe bisher noch nicht.

Wieso werden nicht alle Informationen an das Portal weitergeben?

Das hat zum einen juristische Gründe. Und zum zweiten persönliche: Ärzte beteiligen sich nicht, weil sie mit den elektronischen Kommunikationsstrukturen nicht vertraut sind oder die Vorteile nicht sehen.

Auf welchem Weg wollen Sie mehr Ärzte zum Mitmachen bewegen?

Wir müssen ihnen klarmachen, dass ihre Arbeit leichter wird. Ein Beispiel ist die Tumordokumentation, gerade in diesem Bereich kommt es häufig zu Doppelt-, Dreifach und sogar Vierfachdokumentationen, die viel Zeit kosten. Professor Reinhold Haux vom Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und Medizinischen Hochschule Hannover arbeitet gerade an einer Lösung für alle. Wir müssen die am Gesundheitssystem Beteiligten auf einen Nenner bringen und Informationstechnologien einbinden, damit Ärzte besser informiert sind und Patienten schneller nach Hause können – und damit unser Netzwerk eHealth.Braunschweig weiter zusammenwachsen kann.

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